„Vor allem bedrückt und bewegt uns die Erkenntnis,  dass das Aufbrechen des Schweigens, die erfolgreich hergestellte Öffentlichkeit 
und die Ermutigung der Betroffenen, Schutz und Hilfe für einen Neubeginn zu suchen, 
anscheinend keine Verringerung der Gewalt bewirkten.“
Carol Hagemann-White


Ausstellungskonzept

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Künstlerinnengruppe Maria Mathieu, Renate Bühn, Heike Pich_______________

 

 

Wir sind drei Künstlerinnen aus Bremen, die nun schon seit acht Jahren an dem gemeinsamen Ausstellungsprojekt mit dem Titel „Was sehen Sie, Frau Lot?“ zusammenarbeiten.

Betroffene Frauen und Frauenbewegungen trugen das Wissen um demütigende, zerstörerische, sexualisierte Gewalt in politische Öffentlichkeiten und haben immer wieder gesellschaftliche Erklärungsnot und politischen Handlungszwang erzeugt. In vielen europäischen Ländern sind Hilfs- und Beratungsangebote entstanden. Dennoch: 25 Jahre Öffentlichkeit und Schweigen brechen, 25 Jahre Wissen um Ursachen und Ausmaß von sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen = sind 25 Jahre ohne angemessene Konsequenz für die Schlussfolgerung, dass das Ausmaß der Betroffenen auf das Ausmaß der Täter verweist. Wie ist das möglich? Bleibt die Wahrnehmung der sexualisierten Gewalt unerträglich?

Akzeptanz, Schutz und Integration der Täter, erstickende Realität, alltäglich. 

Diese subtile Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt in der Gesellschaft erfährt in unseren Werken Transparenz. Mit unseren Installationen und Objekten suchen wir beständig nach einer künstlerischen Form der Sichtbarkeit und Sprache, um eine breite Öffentlichkeit mit neuen Impulsen zum Hinsehen Wahrnehmen und Handeln zu ermutigen und zu sensibilisieren. Denn: Jede/jeder kennt Betroffene, jede/jeder kennt Täter. 

Wir präsentieren unsere Arbeiten zum Thema „sexuelle Gewalt“ in der Gewissheit, dass wir damit einen Beitrag zu dem Auftrag leisten, den die Kunst unseres Erachtens hat, nämlich gesellschaftspolitisch Stellung zu beziehen. Kunst als persönlich-politischer Ausdruck von unserem Leben mit sexueller Gewalt und Täterschutz. Kunst als eine Form des Widerstands, als eine Form Sprache zu finden und sichtbar zu machen, was zu leicht und zu gerne übersehen und bagatellisiert wird: 

-   Das Grauen und gleichzeitig die alltägliche Normalität der Gewalt 
-   Den gesellschaftlich verankerten Täterschutz 
-   Die Verletzungen, aber auch der Überlebensmut und die Stärke der Betroffenen 

Unsere Idee ist auf dem Weg: 
Seit dem ersten Ausstellungsprojekt in Bremen im September 2001 haben bereits 40.000 Menschen in 15 Städten die Ausstellung besucht.
Die Ausstellungsorte waren in jeder Stadt andere, aber stets wurden die Arbeiten in repräsentativen öffentlichen Räumen gezeigt, die auf symbolischer Ebene unterschiedliche Bereiche unserer Gesellschaft verkörpern, häufig waren es z.B. Kirchen, Museen, Rathäuser, aber auch Abrissgebäude und die Einbeziehung des Außenraums. Unsere Arbeiten verändern sich mit dem Ort und den Raumsituationen. Die installativen Arbeiten nehmen unweigerlich Bezug zu dem Raum in dem sie gezeigt werden, ist doch der Raum immer formaler Bestandteil einer Installation. Eine Ausstellung also, die seit ihrer ersten Präsentation in der Rathaushalle in Bremen ein andauernder work in progress ist. Auf jeder Station ändert sich etwas, wird entfernt, neu konzipiert - es entstehen neue Arbeiten, die in das Konzept älterer Arbeiten eingreifen oder die Ausstellung ergänzen.

 

              geHEIMnis / Renate Bühn Stadtbibliothek Hannover 2005

Die aktive Beteiligung von BesucherInnen und selbst Betroffenen in einzelnen Arbeiten ist dabei von Bedeutung. Sei es im unerwarteten Erfahren und Wahrnehmen des eigenen darüber hinweggehen über das Thema - eine künstlerische Arbeit im Eingangsbereich der Ausstellung oder im Außenraum - oder Arbeiten, die durch die Beteiligung der BesucherInnen wachsen und bei denen sich Betroffene Mädchen und Frauen mit ihrer Geschichte beteiligen und sichtbar machen können.

 „Die Ausstellung entfaltet immer wieder ihre starke Wirkung, weil mit den Objekten und Installationen die Sicht und das Erleben der Opfer und Überlebenden sexualisierter Gewalt in den Mittelpunkt gestellt wird. Das erreicht die Menschen  - ohne Worte!“   Frauke Mahr, LOBBY FÜR MÄDCHEN - Mädchenhaus Köln e.V. 

Bewusst wählen wir unsere Ausstellungsorte außerhalb des musealen Betriebes, um mit öffentlich genutzten Orten die unterschiedlichsten Zielgruppen aus einer breiten Bevölkerung zu erreichen. Wir arbeiten mit unseren Kooperationspartner/innen (Notrufe, Mädchen- und Frauenhäuser, Beratungsstellen, Schulen, Gleichstellungsbeauftragte, Behörden, Stiftungen, kirchliche Netzwerke, etc.) in den Städten eng bei der Planung des Rahmenprogramms zusammen. Das Rahmenprogramm richtet sich dabei an Jugendliche und Erwachsene und vertieft gesellschaftspolitische Fragen, fördert zum Einen individuelle Möglichkeiten der Verarbeitung und ermöglicht zum Anderen gemeinsame Formen des Handelns. 

„Hallo, vielen, vielen Dank für die Ausstellung. Zu sehen, es gibt viele, ist ein Schreck und auch ein Trost. Ich weiß noch nicht sehr lange, "was mit mir los ist" - seit 1 1/2 Jahren etwa. Meine Symptomgeschichte macht einen Sinn, seit klarere Erinnerungen da sind, einen traurigen Sinn, der mich oft fast zu Tode erschreckt, immer wieder. Es ist schwer, doch der Dreck, die Schmerzen und die Angst bekommen Namen. Es hat mich Überwindung gekostet, die Kirche zu betreten, ich bin ein "Pfarrerskind". Doch ich finde diesen Ausstellungsort wichtig. Es fällt mir auch schwer, die Gedanken, die Gefühle zu zeigen. Aber es ist ein wichtiger Schritt für mich. Danke für eine solche Möglichkeit.“   H. Sep. 2004 

In dem beständigen Auflösen des Schweigens, der Veränderung der Isolierung der Betroffenen, kontinuierlicher präventiver Angebote für jedes Mädchen und jeden Jungen liegen die Veränderungspotentiale dem Kreislauf von Gewalt ein Ende zu setzen. Unsere Ausstellung ist ein Beitrag dazu. 

Die öffentliche Resonanz und die sehr persönlichen Rückmeldungen zeigen uns, dass wir viele Betroffene, Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen - die vielleicht zum ersten Mal über selbst erlebte sexuelle Gewalt sprechen - ermutigen, stärken und sensibilisieren. Tenor vieler Äußerungen von Besucher/innen ist die Aussage, die Alltäglichkeit von sexualisierter Gewalt in ihrer großen Bandbreite nicht mehr verdrängen zu können und sich ihr stellen zu wollen. Unsere Idee ist auf dem Weg: Auf so vielen Wegen, wie sich Menschen erreichen und ermutigen lassen, sich fürs Hinsehen und Handeln zu entscheiden. 

Dort, wo Sprache ihre Grenzen hat, vermittelt eine künstlerische Arbeit eine ganz andere Deutlichkeit und Präsenz, die Wegsehen unmöglich macht, ermutigt das Thema dort zu reflektieren, wo es hingehört: nämlich in die unausweichliche Auseinandersetzung mit uns selbst und unserem Handeln.

Renate Bühn, Maria Mathieu, Heike Pich